Dienstag, 20. Juli 2010

Der 9. Av & die Bedeutung Jerusalems


Der 9. Tag im Monat Av (im jüdischen Kalender) bezeichnet den Höhepunkt einer 3 wöchigen Trauer- und Fastenzeit. Am 17. des vorigen Monats (Tammus), weil an diesem Tag der Überlieferung nach die Römer durch die Mauern Jerusalems brachen, beginnen die sich in der Intensität der Trauer steigernden 3 Wochen. Man fastet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, wäscht und rasiert sich nicht mehr, trägt keine Lederschuhe, wechselt seine Kleider nicht mehr, sitzt nicht auf hohen Stühlen und hat keinen Geschlechtsverkehr. In dieser Zeit wird in den Synagogen aus dem Buch Klagelieder gelesen. Der 9. Av ist der Höhepunkt der Trauer- und Fastenzeit, da an diesem Tag der Tempel 70 n.Chr. zerstört wurde.  Nach talmudischer Überlieferung, ist es der Katastrophentag für das jüdische Volk generell. An ihm soll 586 v.Chr. schon der erste Tempel zerstört worden sein. Noch viele weitere Tragödien des jüdischen Volkes werden auf den 9. Av datiert:

·  3892/132 n. Chr. Bar Kochba Revolte niedergeschlagen. Betar zerstört – über 100.000 Personen getötet.
·  3893/133 n. Chr. Turnus Rufus pflügt das Areal des Tempels. Römer erbauen heidnische Stadt Aelia Capitolina auf den Ruinen von Jerusalem.
·  4855/1099 n. Chr. Papst Urban II. deklariert den Ersten Kreuzzug 1095. 10.000 Juden werden im ersten Monat des Kreuzzugs getötet, Mainz, Speyer, Köln. Der Kreuzzug bringt Tausenden von Juden Tod und Zerstörung, totale Auslöschung vieler Gemeinden im Rheinland und Frankreich. In Jerusalem um 1099.
·  5050/1290 n. Chr. Ausweisung von Juden aus England, begleitet durch Pogrome und Beschlagnahme von Büchern und Besitz.
·  5252/1492 n. Chr. Inquisition in Spanien und Portugal kulminiert in der Ausweisung der Juden von der Iberischen Halbinsel mit dem Alhambra-Edikt. Familien getrennt, viele sterben durch Ertränken, massive Verluste von Grund und Boden. Damit beginnt das Exil der Sephardim unter anderem nach Nordafrika.
·  5674/1914 n. Chr. Großbritannien und Russland erklärten Deutschland den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt. Fragen des Ersten Weltkrieges bleiben ungelöst, schlussendlich den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust verursachend. 75 % aller Juden in Kriegsgebieten. 120.000 Jüdische Gefallene in den Armeen. Über 400 Pogrome unmittelbar nach dem Krieg in Ungarn, Ukraine, Polen und Russland.
·  5702/1942 n. Chr. Deportationen vom Warschauer Ghetto in das Konzentrationslager Treblinka beginnen.
·  5754/1994 n. Chr. Bombenattentat auf das Gebäude der AMIA (das Jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires, Argentinien), das 86 Menschen tötete und mehr als 300 verletzte.


Der 9. Av (Tisha Be’av), mit seiner 3 wöchigen Vorlaufzeit, ist also das einzige Datum, an dem die Klagemauer mit Grund Klagemauer heißt. Während wir Christen die Zerstörung Jerusalems und des Tempels in den Worten Jesu, welcher da war, ist und kommt, angekündigt sehen, hat auch die jüdische Überlieferung nach einem inneren Grund für die Katastrophe gesucht und in ihrem damaligen Verhalten gefunden (>>hier klicken<<).
Natürlich fastet nicht ganz Israel, sondern nur religiöse Juden, doch wollen immerhin die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung Israel (also auch säkulare) keiner Freizeitaktivität nachgehen (einer repräsentativen Umfrage nach).

Wer sich mit allen, nicht immer kongruenten Sichtweisen beschäftigt, kommt irgendwann zu der Frage, welche Bedeutung Jerusalem für wen hat. Er denkt an die Vielzahl von Denominationen und Kirchen an jedem nur erdenklichen Ort im Land. Dann sieht er im Fernsehen Bilder vom Papst IN ROM. Hat die römische Kirche ab dem 19. Jhdt. doch nur Interesse an Israel gewonnen, weil sie die missionarischen Aktivitäten etwaige Protestanten fürchteten? Wer war Conrad Schick und warum hat sich in all den Jahrhunderten kein islamischer Herrscher nach Jerusalem bequemt? Warum war die Bevölkerung seit 2 Jahrhunderten immer mehrheitlich jüdisch und nicht christlich? Liegt es vielleicht daran, dass, wenn wir „Jerusalem“ lesen, doch Rom denken? Oder weil wir es aus unseren Köpfen weg-vergeistlicht haben, ja uns bemüht haben jedes Andenken an das Land und seine Erben (Israel!) in die Vergangenheit zu theologiseren? Bedeutet es uns überhaupt etwas, dass sich Gott diesen Ort erwählt hat, dort zu wohnen EWIGLICH (s.z.B. 1. Könige 9,3)? Wo schlägt unser Herz und wo das Herz unseres himmlischen Vaters?
Vergesse ich deiner, Jerusalem, so verdorre meine Rechte!
  Meine Zunge müsse an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht über meine höchste Freude setze!“ (Psalm 137,5+6)
Jalla