Mittwoch, 21. April 2010

Jom HaSikaron & Jom HaAtzmaut (62.)

Vor ungefähr einer Woche habe ich vom Jom HaShoa, d.h. dem Holocaustgedenktag berichtet. Dieser gehört zu einer Dreizahl von israelischen Nationalfeiertagen: Dem Shoagedenktag, dem Tag der Erinnerung an die gefallenen Soldaten Israels und die Opfer des Terrors sowie dem israelischen Unabhängigkeitstag. Eine Interpretation des kurzen Zeitintervalls  fällt nicht schwer, wobei die Nähe des Trauertags (Jom HaSikaron) zu einem der ausgelassensten Feiertage des israelischen Kalenders (Jom HaAtzmaut) besonders auffällt. Von einer Frau, die ihren Sohn im Armeedienst verloren hat, wurde uns erklärt, dass dieser Tag für die Opfer und nicht für die Angehörigen  sein soll. Für sie sei jeder Tag gleichermaßen ein Erinnerungstag an ihren Sohn, wobei sie sich nicht der Trauer hingeben wollte.
Das Leben geht weiter, und so ist die jüdische Mentalität vom Gedenken an böse Tage, Hoffnung sowie dem Willen zum Überleben geprägt, was mich zutiefst beeindruckt.


Während des Tags der Erinnerung an die gefallenen Soldaten und Terroropfer sind alle israelischen Fernseh- und Radioprogramme gefüllt mit persöhnlichen Berichten und Schicksalen. Das ganze Land nimmt Anteil am Schicksal des Einzelnen: Alle für Einen. Gleicherweise ist der Soldatenfriedhof voll von Gräbern, die Geschichten von Helden erzählen möchten, welche sich für ihr Land geopfert haben: Einer für Alle.

Am Abend des Gedenktags beginnt dann der 62. Unabhängigkeitstag (ein Tag beginnt gemäß 1.Mose 1 mit dem Abend). In der Innestadt sind überall Bühnen aufgebaut und es herrscht ausgelassene Stimmung, am nächsten Tag sind die Parks überfüllt mit grillenden Familien.

Montag, 19. April 2010

Urlaub in Kusch

Wie in meinem letzten Rundbrief angekündigt habe ich Urlaub in Äthiopien gemacht und meinen Freund, der dort auch Zivildienstleistender ist, besucht. Dabei bin ich von Eilat nacht Kairo (durch die Sinai-Halbinsel) gefahren um dort einen Flieger nach Addis Abeba zu nehmen, die Hauptstadt Äthiopiens. Grund und Anlass dieses merkwürdigen Unternehmens ist die geographische Nähe Israels zu Afrika (und die damit verbundenen vergleichsweise geringen Flugkosten), sowie der Wunsch einen Freund aus alten Zeiten (wir haben zusammen Abitur gemacht^^) zu besuchen.
Ich versuche diese 12 Tage (15 mit An- und Abreise über Ägypten) in Kürze zusammenzufassen:
Die Einreise nach Ägypten war (außer mit hohen Visa-Kosten verbunden) problemlos verlaufen und die Fahrt in einem Mini-Bus ging schnell voran, sodass ich schon am Freitagabend (02.04) in Kairo angekommen war. Auf der Fahrt lernte ich einen Amerikaner kennen, der in Kairo studiert und bei dem ich dann die Nacht auf Samstag unterkam. Am Samstag dann hatte ich noch einen halben Tag Zeit, bis ich zum Flughafen musste und verbrachte ihn in Kairo mit dem Besichtigen einiger Orte (Nationalmuseum, Nil, etc). Auch diese Zeit habe ich (abgesehen von enormen Durchfall dank der ägyptischen Küche) gut überstanden. Am Abend ging es dann per Flugzeug nach Addis Abeba. Am Flughafen wurde ich dann von meinem Freund in Empfang genommen und wir fuhren zu ihm nach Hause. Mein Freund heißt Aykan (sein Blog) und ist Zivildienstleistender in der Deutschen Botschaftsschule. Seine Tätigkeit ist das Assistieren im Kindergarten und er wohnt mit einem anderen Volontär zusammen in einem gemieteten Haus. Addis Abeba ist voll mit Hotels im westlichen Standard und die Metropole des Landes; Armut und unverschämter Luxus Tür an Tür.
Äthiopien ist flächenmäßig 3-mal größer als Deutschland, was ich dazu sagen muss, wenn ich sage, dass wir mit dem Bus in den Norden des Landes gefahren sind. Zuerst in Bahir Dar am Tanasee, zum Blauen-Nil Wasserfall und zuletzt nach Gondar (nicht Gondor!!!). Unterwegs waren wir zu dritt: Aykan, sein Mitbewohner und Zivi-Kollege Arne und ich.
Von Afrika 2010
Von Afrika 2010
In der Umgebung Gondars gab es noch ein sogen. Falashadorf. Die Falasha sind Äthiopische Juden, die in zwei Wellen nach Israel Ausgeflogen wurden und deren Gemeinde in Äthiopien verschwindent klein ist. Dieses Falashadorf war auf jedenfall von Menschen bewohnt, die das Äthiopisch orthodoxe Kreuz um den Hals trugen, also keine Falasha sein konnten. Ein Trick vermute ich, um Touristen zu locken, doch so leicht lasse ich mir keinen Bären aufbinden.
Von Afrika 2010

Die letzten Tage habe ich dann in Addis Abeba verbracht. Doch auch der schönste Urlaub geht einmal vorüber und so machte ich mich am Donnerstag (15.04.) auf den Heimweg (bzw. -flug). Spannend war der Weg zurück durch die Siani-Halbinsel, denn es gab eine brandaktuelle Terrorwarnung für dieses Gebiet. Dankbar und unversehrt kam ich jedoch an den Grenze zu Israel an und war froh wieder im Land zu sein. Mein einziger Verlust war eine Strickjacke und meine Bibel, die ich in Äthiopien in einem Taxi vergessen hatte.
Von Afrika 2010


Ich danke Gott für alle Bewarhung eine eine schöne Zeit.
Danke für alles an-mich-denken und alle Gebete.


aus Jerusalem
David-Jan van den Berg

ps: mehr Bilder gibt es hier,
wer an Details interessiert ist, möge mir seine Fragen mailen.

Sonntag, 18. April 2010

Interessante Einschätzung

Gisela Dachs in "Israel kurzgefasst"

"Der Betrachter von außen sieht Israel gerne durch die Brille seiner
eigenen Identität und Vergangenheit. Deshalb reden Europäer, wenn
sie den Nahen Osten meinen, häufg über sich selbst. Im Fall der
Deutschen liegt es auf der Hand, dass dabei der Holocaust – ausgespro-
chen oder unausgesprochen – immer präsent ist.
Um den komplexen Nahost-Konfikt an sich geht es oft nur bedingt.
Die eigene Haltung und Gefühlslage spielen bei der Betrachtung häufg
eine wichtigere Rolle als oftmals verwirrende Fakten. Da gibt es den
einen Deutschen, der aufgrund der NS-Vergangenheit seines Landes
eine besondere Verantwortung gegenüber Israel fühlt und deshalb
Demonstration gegen den zweiten Libanonkrieg am 21.7.2006 in Berlin. Einer Umfrage
von Januar 2009 zufolge hält fast die Hälfte der Deutschen Israel für ein aggressives Land.
Quelle: Saba Laudanna123
einseitig Partei für den jüdischen Staat ergreift, und den anderen, der
seine historische Unbefangenheit unter Beweis stellen will und Israel
daher vorschnell und besserwisserisch verurteilt.
Und es ist längst eine Binsenweisheit, dass sich bei vielen etwa ange-
sichts der umstrittenen israelischen Militäreinsätze in den besetzten
Gebieten eine Art Erleichterung einstellt, die auf einer seltsamen Glei-
chung fußt: Wenn die Israelis Schlimmes tun, dann reduziert das doch
die Last, die aufgrund des millionenfachen Mordes an den Juden während
der NS-Zeit auf den Deutschen ruht. Hinzu kommt das Gefühl, man
selbst habe seine Lektion aus der Geschichte gelernt. Das stärkt das
Selbstwertgefühl.
Die Kluft zwischen Betrachter und Betroffenen macht eine Umfrage
der EU-Kommission von 2003 deutlich. Danach sahen immerhin 65
Prozent der Deutschen (und 59 Prozent aller Europäer) in Israel „eine
Gefahr für den Weltfrieden“. Und einer Umfrage vom Januar 2009
zufolge, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des
Magazins „Stern“ unter anderem zum damals herrschenden Krieg
im Gazastreifen durchführte, sagte fast die Hälfte (49 Prozent) der Be-
fragten, Israel sei ein aggressives Land. 59 Prozent erklärten, es verfolge
seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Länder, und nur 30 Prozent
zeigten sich überzeugt, dass die israelische Regierung die Menschenrechte
achte. Diese hohen Prozentzahlen lassen sich auf objektive Tatbestände
allein nicht zurückführen, vielmehr spielen bei ihrem Zustande kommen
Entlastung und Schuldabweisung eine große Rolle.
Dass der jüdische Staat trotz seiner militärischen Macht nach wie vor
um seine Existenz kämpft, wird ignoriert oder verdrängt. Aus sicherer
Entfernung lassen sich die universalen humanistischen Grundsätze,
die viele Deutsche nach dem Holocaust verinnerlicht zu haben glauben,
leicht hochhalten und gegebenenfalls eben auch – oder gerade – gegen
Israel wenden.124
Unterschiedliche Wahrnehmung
Dazu gehört der Versuch von Menschenrechtsorganisationen, israelische
Soldaten wegen des Vorwurfs, Kriegsverbrechen begangen zu haben,
vor ein internationales Gericht in Europa zu stellen. Als „lawfare“ –
eine Abwandlung des englischen Wortes „warfare“ (Kriegsführung),
wörtlich übersetzt „Rechtsführung“; gemeint ist die Anwendung des in-
ternationalen Rechts als eine Art Waffe – bezeichnen manche israe-
lische Wissenschaftler, die sich mit der heutigen Rolle von NGOs
beschäftigen, das Verfahren. Dabei gehe es weniger darum, am Ende
eine tatsächliche Verurteilung zu erreichen. Ziel sei es vielmehr, das
Thema ununterbrochen in den Medien zu halten.
Der durchschnittliche Israeli erlebt dieses Vorgehen als Doppelmoral.
„Die Amerikaner können im Irak einmarschieren, die Russen gegen
die Tschetschenen vorgehen und die Nato kann Belgrad bombardieren.
Aber über uns will man nach dem Gazakrieg richten“, so eine verbreitete
Meinung. Unmut ruft bei vielen Israelis auch die Tatsache hervor, dass
ausländische Medien oft erst dann über Raketenangriffe auf israelische
Städte durch die Hamas oder Hisbollah berichten, wenn ein israelischer
Gegenangriff erfolgte.
Und während in den israelischen Medien frei und kritisch darüber
berichtet wird, wenn die eigenen Soldaten offensichtlich Unrecht
begehen, stehen die Taktiken ihrer Gegner in ihren Gesellschaften nicht
offen zur Debatte. Dabei sind sowohl Hamas als auch Hisbollah Meister
in der Inszenierung ihrer vermeintlichen Opferrolle und schrecken
auch nicht vor der Haltung zurück: Je mehr Tote im eigenen Lager, desto
besser, weil auf diese Weise das Image Israels beschädigt wird.
Wie aber kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung in
Israel einerseits und außerhalb Israels andererseits? Der Philosoph
Mosche Halberthal erklärt dies mit der „Kluft zwischen den aktuellen
Bildern etwa aus dem Gazakrieg Anfang 2009 und der geopolitischen 125
Situation. Da steht ein Kamerateam des arabischen Fernsehsenders
Al-Dschasira am Eingang zum Schifa-Krankenhaus in Gaza und zeigt,
wie die Verwundeten hineingebracht werden. Dem ausländischen Fern-
sehzuschauer vermitteln solche Bilder den Eindruck, dass der Goliath
Israel diese armen Leute zerschmettert. Die israelische Sicht ist eine
ganz andere. Für die Israelis sind Hamas und Hisbollah, deren Raketen
letztlich ganz Israel erreichen können, die Speerspitze einer viel größeren,
unsichtbaren Bedrohung. Sie fühlen sich wie der winzige David gegen-
über einem immensen muslimischen Goliath. Die Frage ist: Wer ist
hier David und wer ist Goliath?“
Die Medien, die sich in ihrer Berichterstattung überwiegend auf den
Nahost-Konflikt beziehen und andere Aspekte des Lebens in Israel oft
außer Acht lassen, spielen also eine große Rolle bei der Wahrnehmung
Israels im Ausland.
In Israel sorgt man sich, dass in Zukunft die Grenze zwischen legiti-
mer Kritik an israelischer Politik und gezielten Delegitimierungsversu-
chen – vor allem auch aus intellektuellen linken Kreisen in Europa –
verwischt werden könnte. Dazu gehören Boykottaufrufe gegen eine
Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet,
zum Teil sogar von israelischen Postzionisten mit unterstützt. Kritisiert
wird da im Kern aber nicht nur die Besatzungspolitik, sondern der
jüdische Staat als solcher ist im Visier.
Überhaupt erscheint vielen Europäern, die davon ausgehen, dass sie
nun endlich veraltete Kategorien wie Kolonialismus, Imperialismus
und Nationalismus überwunden und hinter sich gelassen hätten, das
zionistische Projekt „eine sichere Heimstätte für die Juden“ als ein
„verspätetes Gebilde“.
Sie glaubten, wie Hermann Kuhn, Grünen-Politiker und Vorsitzender
der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Bremen, 2004 in einem
Beitrag mit dem Titel „Israel und Europa: Bestandsaufnahme einer 126
Entfremdung“ analysierte, dass Israel „aus der europäischen Erfolgs-
geschichte seit 1945 nichts gelernt hat, das aber alles hätte lernen
müssen, weil es ja aus Europa kam und ‚Fleisch von seinem Fleisch‘
ist“. Nur haben die Israelis – im Gegensatz zu den Europäern heute –
immer noch ganz reale Feinde. Interessant aber ist in diesem Zusam-
menhang die Feststellung, dass auch die schärfsten europäischen Kriti-
ker eines israelischen Nationalstaats kein Problem mit der Forderung
nach einem nationalen Palästinenserstaat haben.
Aber darf man Israel als Deutscher denn überhaupt kritisieren?
Diese Frage wird häufig gestellt. In vielen Fällen drückt sie echte
Unsicherheit aus. Oft hat sie aber auch rhetorischen Charakter und
birgt den unterschwelligen, aber unbegründeten Vorwurf in sich, jeder
kritische Einwand würde von israelischer Seite doch nur als Antisemitis-
mus-Beweis abgetan. Denn in der Regel sind es vor allem Tonfall und
Wortwahl, die über die Grenze zwischen legitimer Israel-Kritik und –
offenem oder verstecktem – Antisemitismus bestimmen."

Der Fremdscham und die eigene Nase

Wenn man durch die Gassen des sogen. Christlichen Viertels in der Altstadt Jerusalems geht, findet man viele Souvenirläden und Kirchen. Als „Freikirchler“ ist der Blick auf Ikonen- und Heiligenbilder, Rosenkranzketten, Weihwasser, Weihrauch und gewissen Reliquien ein verstörender Anblick. Der Fakt, dass die verschiedenen orthodoxen und katholischen Konfessionen (und andere Kirchen des Orients) nicht in der Lage sind, sich eine Kirche (ich meine die Grabeskirche) zu teilen, und dass es bei gleichzeitiger Nutzung häufiger zu Prügelleien kommt [Video], treibt einem jeden Christen die Fremdschamesröte ins Gesicht. Auch wird der Schlüssel für das Gebäude von einer muslimischen Familie aufbewahrt, da man sich unter den Christen nicht einigen kann.
Inwiefern reizen wir damit Israel zum Nacheifern (Römer 11,11) oder geben ein glaubwürdiges Zeugnis ab (Johannes 13,35)?

Doch sind wir Pietisten soviel besser? Wir drehen uns um unser geistliches Wachstum und haben vergessen, dass Geben seliger ist als Nehmen. Wir verschließen gerne die Augen vor der Not vor unserer Tür. Ich denke, solange wir uns nicht die Bekämpfung der Armut (materiell wie seelisch) unserer Nächsten auf die Fahne schreiben, solange Umweltschutz ein Programmpunkt der Linken und Grünen bleibt und der Ruf nach Werten nicht mehr in unsere biedermeierliche Welt dringt, ist jede Kritik an anderen christlichen Konfessionen scheinheilig. Das ist schon sei jeher die Kritik am Pietismus, dessen geistlichen Kinder wir sind. Und wenn Mission keine Priorität mehr besitzt, das Krebsgeschwür „Ersatztheologie“ nicht von unseren Kanzeln weicht, haben wir kein Recht uns zu fremdschämen. Unversöhnlichkeit, Lieblosigkeit und Selbstsucht sind unsere Lieblingssünden. Wir halten uns für Reich und stehen nackt vor einer Welt, die genau weiß, wie Christen sein sollten.
Gegenüber Israel hätte sich die Gemeinde als Bruder und Freund in der Erwählung sehen sollen, stattdessen hat man sich verhalten wie Amalek im Geiste. Es gibt keine Konfession, die ihre Hände in Unschuld waschen könnte.
Erst wenn wir das erkennen und daran arbeiten dürfen wir auch unseren orthodoxen oder katholischen Bruder in Liebe auf seine Fehler hinweisen und ihm aus seinem Götzendienst helfen.
(Gedanken zu Matt. 7,4ff und Luk. 6,41ff)

Montag, 12. April 2010

Shoa-Gedenktag 2010

Gestern Abend (11.04.2010) begann in Israel das Gedenken an die Shoa (Holocaust) mit einer Veranstaltung in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Heute (12.04.2010) erschallten vielerorts die Sirenen und das öffentliche Leben stand für zwei Minuten still. Am Vormittag fand die Kranzniederlegung am Warschauer-Ghetto-Platz in Yad Vashem statt, bei welcher auch meine Trägerorganisation (Dienste in Israel e.V.) teilnahm.

Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, zu Besuch bei meinem Freund. Aus der Ferne möchte ich meine Anteilnahme bekunden und somit den Opfern und dem Gedenken an die Opfer meinen Respekt aussprechen.

Donnerstag, 1. April 2010

Vierter Rundbrief

>>hier klicken<<(pdf)

Pessach - das Fest der ungesäuerten Brote

2010: 29.03. - 06.04.

Auch wenn an der Beschreibung Ephraim Kishons, dass man acht Tage lang Pappdeckel isst, etwas dran ist, lässt sich zu Pessach etwas mehr sagen.
Das Wort Pessach kommt von vorübergehen/ verschonen und erinnert an die Nacht vor dem Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Obwohl es wohl eine der bekanntesten Geschichten aus der Thora (2.Mose 12) ist (nicht zuletzt dank Disney's Prince of Egypt), möchte ich die Geschichte kurz zusammenfassen, auch damit die Gebräuche des Festes verständlicher werden.
In 1.Mose 15 kündigt Gott dem Abraham an, dass seine Nachkommen einmal 400 Jahre als Sklaven in Ägypten verbracht haben werden, bevor sie das Land erhalten werden.
Die Geschichte Israels in Ägypten begann dabei sehr vielversprechend. Ein Sohn Jakobs (der auch Israel genannt wird) wurde durch göttliche Fügung zweit wichtigster Mann in der Hochkultur Ägypten und verhinderte, dass das Land zusehr unter einer 7-jährigen Hungersnot zu leiden hatte. Doch nach einiger Zeit kam ein König an die Macht, der wohl nicht lesen konnte oder sich nie gefragt hat, wie fast das ganze Land Privatbesitz des Königs geworden war. Jener Paharao fürchtete sich vor den Israeliten, die immernoch in Ägypten lebten und sich rasch vermehrten.
Also versklavte er sie und lies sie für sich hart arbeiten. Das ganze hatte dann keine wirkliche Auswirkung auf die Geburtenrate der Israeliten, weshalb der Pharao dann alle männlichen Neugeburten töten lassen wollte. Wieder göttliche Fügung ließ einen Jungen Namens Mose überleben, eine königliche Erziehung am Hofe des Paharaos genießen, nach seiner Flucht in die Wüste seiner Frau begegnen, und schließlich von Gott persönlich in der Wüste den Auftrag erhalten, die Kinder Israel aus der Sklaverei in Ägypten zu führen.
Der Paharo ist von dieser Idee nicht überzeugt und widersetzt sich dem Willen Gottes. Dies hat dann 10 schreckliche Plagen (bzw. 50 Plagen, doch dazu später mehr) zur Folge. An Pessach gedenkt man der ganzen Geschichte, doch ins besondere der letzten Plage.
Und zwar besteht die 10.Plage aus dem Tod der Ägyptischen Erstgeburten. Diese Plage war mit Vorschriften für die Israeliten verbunden:
1. Ein männliches, einjähriges Lamm schlachten und dessen Blut mit einem Büschel Ysop an die Türpfosten verstreichen
2. Kein Brot säuern
3. das ganze mit bitteren Kräutern Essen
4. Angezogen und abreisebereit mit der Familie im Haus bleben, bis Mose bescheid gibt

Denn in dieser Nacht würde der HERR alles Erstegeborene in Ägypten töten nur an den Häusern, deren Türpfosten mit dem Blut bestrichen wurden, würde er vorüber gehen. *Daher auch der Name des Festes*

Erwähnt wird dieses Fest dann nochmal verbunden mit einer einzuhaltenden Ordnung in 3.Mose 23, welches alle Generationen Israels halten sollen an diesem bestimmten Tag, dem 15.Nissan (bzw. am Abend des 14.). Das ganze Fest geht sieben Tage lang(bzw. acht Tage in der Diaspora).

Über die Jahre, in der das jüdische Volk dieses Fest gefeiert hat, sind gewisse Regeln und Traditionen entstanden, an die sich jeder religiöse Jude hält:
-Der erste und letzte Tag von Pessach sind vergleichbar mit dem Shabbat (es darf nicht gearbeitet werden etc.)
-Der erste Abend wird im Kreise der Der Familie verbracht und heißt Sedder-Abend

Sedder(סדר) heißt Ordnung und damit ist eine Reihenfolge bestimmter Handlungen am 1. Abend von Pessach gemeint. Diese Ordnung ist in der sogen. Haggadah (הגדה של פסח) niedergeschrieben.

Schon am Vortag müßen alle gesäuerten Lebensmittel aus dem Haus verschwinden.

Auf dem Tisch steht ein Teller mit verschiedenen Gaben darauf, welche eine Besondere Bedeutung haben:

- ein Lammknochen > erinnern an das Passahlamm
- bittere Kräuter(Meerrettich) > erinnert an die bittere Zeit in Ägypten
- eine Art Apfelmus > erinnert an den Lehm, welchen die Israeliten herstellen mussten als Sklavenarbeit
- Gemüse (romani Salat oder Petersilie) getunkt in Salzwasser- Symbol für die Tränen
- ein geröstetes Ei >zum Zeichen der Gebrechlichkeit menschlicher Geschicke, aber auch der menschlichen Fruchtbarkeit und schließlich zum Zeichen der Trauer um den zerstörten Tempel; jemand sagte mir es stünde für den Kreislauf des jüdischen Feste-Kalenders
- 3 Scheiben Matzen (Matzot) - Gedenken an ungesäuertes Brot; werden im Verlauf des Sedder-abends verwendet
- ein Glas Wein, welches für Elia unbenutzt bleibt
-4 Gläser Wein - im Verlauf des Abends werden vier Gläser Wein getrunken



Der Verlauf des Mahls lässt sich folgendermaßen Gliedern:


- Heiligung des Weins. Derr Hausherr spricht: Gelobt seist du, Herr, unser Gott, König des Universums, Erschaffer der Frucht des Weinstocks.

- Hände waschen.

- Den Salat in das Salzwasser tauchen und essen

- Eine Scheibe Matzen (von den 3 Scheiben) wird gebrochen

- Es wird die Geschichte von Pessach erzählt, aber nicht einfach vorgelesen, sondern teilweise in einem Frage-Antwort-Spiel oder Gesang. Schon währenddessen werden weitere symblische Handlungen begangen:

- Nochmals Hände waschen

- Dank für alles Korn

- Spezielles Dankgebet für die Matzen

- Die bitteren Kräuter werden in den Apfelmus gedippt

- Das ganze isst man dann nochmals mit Matzen als Sandwhich

- Das Abendessen beginnt

- Der zu Beginn gebrochene Matzen wird gegessen

-Das Dankgebet nach dem Mahl; danach leert man schon das 3. Glas Wein

- Ein paar Psalme werden gelesen/ gesungen und man sprcht den Segen über das 4. Glas Wein

- Man wünscht sich, dieses Fest nächstes Jahr in Jerusalem zu feiern. Es folgen nach belieben weitere Erzählungen und Diskussionen aus dem Talmud



Die ganze Ordnung kann weit über 4 Stunden hinaus zelebriert werden.
Man kann weit mehr über die einzelnen Dinge sagen. Wen das interessiert, der kaufe sich am besten selbst eine Haggadah (mit Übersetzung!). Während ich diese Zeilen verfassen, ist dieses Fest noch nicht vorbei, doch das wichtigste an Pessach ist wirklich der Sedder-Abend. Auch für uns Christen, denn es war der letzte Abend, den er mit seinen Jüngern verbracht hat. Sowieso wirft die ganze Geschichte mit ihren Symbolen einen Schatten auf Jesu Versöhnungswerk am Kreuz und macht sie damit auch für Christen gerade zu Ostern lesenswert.


Achja, ich habe oben etwas von 50 Plagen geschrieben. In der Haggadah steht dazu folgendes:
"[...]Rabbi Akiba sagte:
aus derselben Stelle (Psalm 78,50) ließe sich entnehmen,
daß jede Plage, die der Heilige - gelobt sei er -
über die Ägypter in Ägypten hat ergehen lassen, fünffältig gewesen sei;
denn so heißt es:
«Er ließ los über sie seine brennenden Grimm, Wut, Zorn
und Angst, eine Sendung böser Engel.
Sein brennender Grimm wäre eins,
Wut zwei, Zorn drei, Angst vier,
eine Sendung böser Engel fünf;
folglich erhielten sie in Ägypten fünfzig [...] Plagen"